Zum Hauptinhalt springen

tierchenwelt.de - Das Tierlexikon für Kinder

Welche Tiere erkennen sich selbst im Spiegel?

Erkennt sich der Primat im Spiegel? - Foto: peters99/Shutterstock

Wir sehen jeden Morgen in den Spiegel und wissen, dass unser Gegenüber keine andere Person ist. Das im Spiegel, das sind wir selbst. Aber nicht jedes Lebewesen ist fähig, sich im Spiegel zu erkennen. Die meisten Tiere sehen einfach nur ein fremdes Tier – das sie neugierig begrüßen, furchtsam anstarren oder wütend attackieren.

Nur eine Handvoll Tierarten besitzt die Fähigkeit, das eigene Ich im Spiegel zu erkennen. Wissenschaftler sprechen hierbei von Selbstwahrnehmung oder Ich-Bewusstsein. Doch wie testet man das bei Tieren? Und welche Arten haben die Forscher in den letzten Jahren überrascht? Wir stellen dir die schlauen Köpfe des Tierreichs vor!

Die große Übersicht: Wer kann was vor dem Spiegel?

TierErfolgreich?TestmethodeVerhalten
Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans Ja Test mit Farbpunkt Farbpunkt untersuchen, Fellpflege, Grimassen
Delfine & Orcas Ja Unterwasser-Spiegel Markierte Stellen im Spiegel betrachten
Elefanten Ja Riesenspiegel Farbpunkt im Spiegel betrachten
Elstern Ja Test mit Farbpunkt Farbpunkt mit Schnabel abkratzen
Putzerfische Ja Test mit Farbpunkt Farbpunkt an Felsen abreiben
Hühner Ja Spiegeltest mit Habicht Sehen keinen Artgenossen im Spiegel
Mäuse Ja Punkt auf der Stirn Markierte Stelle säubern
Schweine Sonderfall Einfacher Spiegeltest Erkennen sich nicht, finden aber damit versteckte Dinge
Tauben Teilweise Test mit Farbpunkt Nur trainierte Tauben erkennen sich
Kapuzineraffe & Rhesusaffen Nur teilweise Einfacher Spiegeltest Erkennen sich nicht, finden damit aber versteckte Dinge
Gorilla Bedingt Angepasster Test Wilde Tiere meiden Augenkontakt
Adéliepinguin Vielleicht Test mit Farbpunkt Beobachten sich, untersuchen aber keine Farbpunkte
Wolf & Hund Jein Schnüffeltest Erkennen sich nicht im Spiegel, aber am Geruch

Eine Katze betrachtet sich im Spiegel - Foto: Julija/stock.adobe.com

Wie funktioniert der Spiegeltest?

Der Trick mit dem Farbpunkt

Weil wir Tiere schlecht fragen können, entwickelte der Psychologe Gordon Gallup jr. im Jahr 1970 den sogenannten Markierungstest (engl. Mirror Self-Recognition Test). Die Grundidee dazu hatte der berühmte Naturforscher Charles Darwin im Jahr 1838.

So läuft der Test ab:

  • Dem Tier wird schmerzfrei ein kleiner Farbpunkt an einer Stelle angebracht, die es selbst nicht direkt sehen kann (z. B. auf der Stirn, am Hals oder am Bauch).
  • Anschließend wird das Tier vor einen Spiegel gesetzt.
  • Versucht das Tier nun gezielt, den Fleck an seinem eigenen Körper abzuwischen, zu untersuchen oder wegzukratzen, gilt der Test als bestanden. Das Tier versteht: „Der Fleck im Spiegel ist auf MIR!“

Der Spiegeltest hat seine Grenzen

Was wäre, wenn sich das Tier im Spiegel erkennt, sich aber nicht die Bohne für den Farbpunkt interessiert? Viele Tiere verlassen sich auf ihren Geruchssinn oder ihren Gehörsinn. Der Sehsinn hat nicht immer eine so große Bedeutung. Der Test würde in diesem Fall also ein falsches Ergebnis liefern.

Selbstbewusstsein vs. Ich-Bewusstsein

Selbstbewusst nennen wir einen Menschen, der von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt ist. Man könnte auch selbstsicher sagen. Sich seiner Selbst bewusst zu sein, ist etwas anderes. Wir verstehen darunter, dass jemand seine eigene Persönlichkeit, seine Gefühle, Wünsche und Gedanken wahrnimmt.

Die Klassiker: Diese Tiere bestehen den Test mühelos

Schimpanse & Bonobo: Die Grimassenschneider

Schimpansen müssen sich erst an den Spiegel gewöhnen. Als Gordon Gallup 1970 Schimpansen erstmals vor einen Spiegel stellte, waren sie ihrem Spiegelbild gegenüber zuerst aggressiv und wollten klar machen, wer der stärkere ist (zwecks Rangordnung). Nach wenigen Tagen veränderte sich das Verhalten: Die Schimpansen nutzten den Spiegel plötzlich, um sich Essen aus den Zähnen zu popeln, ihr Fell an unzugänglichen Stellen zu säubern oder lustige Grimassen zu schneiden.

Auch Bonobos bestehen den Test spielend. Die klugen Affen können sogar menschliche Symbole erlernen: Die berühmten Bonobos Kanzi und Panbanisha nutzten eine spezielle Symbol-Tastatur mit über 400 Zeichen, um sich mit ihren Pflegern zu unterhalten!

Schimpanse - Foto: Michal Ninger/Shutterstock

Bonobo - Foto: GUDKOV ANDREY/Shutterstock

Elefant: Keine Begrüßung für das Spiegelbild

Im Jahr 2006 stellten Forscher im New Yorker Bronx-Zoo einen 2,5 Meter hohen, unzerstörbaren Spiegel im Elefanten-Gehege auf. Die Elefanten-Dame Happy zeigte eine erstaunliche Reaktion: Sie begrüßte den Elefanten im Spiegel nicht. Wenn wir morgens im Bad stehen, machen wir das ja auch eher selten – wäre aber lustig ;) Stattdessen nutzte sie den Spiegel, um ihren Mund von innen zu untersuchen. Sie warf auch einen Blick dahinter – was man nur kann, wenn man weiß, dass der Spiegel kein neuer Teil des Geheges ist, sondern eine flache Platte. Als die Forscher ihr ein weißes Kreuz auf die Stirn malten, führte sie ihren Rüssel vor dem Spiegel immer wieder zielsicher genau zu dieser Stelle auf ihrer eigenen Stirn.

Afrikanischer Elefant - Foto: JONATHAN PLEDGER/Shutterstock

Delfin & Orca: Eleganter Check unter Wasser

Delfine und Orcas (die zur Familie der Delfine gehören) besitzen ein extrem hoch entwickeltes Gehirn. Bei Versuchen im Aquarium bekamen sie ungiftige Farbpunkte auf den Körper und es wurde ein Spiegel in das Becken hinuntergelassn. Die Tiere schwammen zielstrebig auf den Spiegel zu und verbrachten viel Zeit vor ihm, um sich anzusehen. Sie ließen sich dabei auch nicht von Artgenossen ablenken. Ohne die Punkte war der Spiegel nicht so interessant.

Delfin - Foto: alexandro900/Shutterstock

Orca - Foto: Tory Kallman/Shutterstock

Elster: Der schlaue Rabenvogel

Lange Zeit glaubte man, dass nur Säugetiere mit einer großen Großhirnrinde zu Selbstwahrnehmung fähig sind. Im Jahr 2008 bewiesen Forscher der Ruhr-Universität Bochum das Gegenteil: Sie klebten Elstern einen kleinen roten Aufkleber unter die Kehle. Im normalen Alltag bemerkten die Vögel den Punkt nicht. Sobald man ihnen jedoch einen Spiegel ins Gehege stellte, fingen die Elstern an, sich wie verrückt mit ihren Krallen am eigenen Hals zu kratzen, um den Punkt zu entfernen.

Elster - Foto: John Navajo/Shutterstock

Orang-Utan: Grimassen und Handspiegel

Schon der berühmte Naturforscher Charles Darwin war fasziniert von Orang-Utans. Im Jahr 1838 beobachtete er im Londoner Zoo ein Orang-Utan-Weibchen namens Jenny, dem man einen Spiegel ins Gehege reichte. Jenny war völlig begeistert: Sie betrachtete ihr Abbild erstaunt von allen Seiten, zog lustige Grimassen und verhielt sich genau wie ein neugieriges Kleinkind. Spätere wissenschaftliche Versuche bestätigten Darwins Beobachtung: Orang-Utans bestehen den modernen Markierungstest mühelos. Einige schlaue Tiere im Zoo haben sogar gelernt, wie man kleine Handspiegel gezielt dreht und wendet, um schwer einsehbare Körperstellen oder ihr Gehege zu untersuchen!

Orang-Utan - Foto: Andrew Zarivny/Shutterstock

Überraschende Neuzugänge der Wissenschaft

Der Putzerfisch: Wer braucht schon ein Säugetiergehirn?

Lange hielt man Fische für eher „einfach gestrickt“. Doch Studien an der Universität Osaka zeigten Erstaunliches: Wenn man dem winzigen Putzer-Lippfisch (Labroides dimidiatus) einen braunen Farbfleck an den Bauch malt, der aussieht wie ein Parasit, passiert etwas Verblüffendes. Der Fisch schwimmt zum Spiegel, betrachtet den Fleck und reibt danach seinen Bauch gezielt an Steinen auf dem Meeresgrund ab, um den vermeintlichen Schmarotzer loszuwerden!

Hühner: Schauergeschichten vor dem Spiegel

Eine Studie der Universität Bonn (2023) zeigte, dass Hühner weit klüger sind als ihr Ruf. Hühner warnen ihre Artgenossen durch spezielle Rufe vor Raubvögeln – aber nur, wenn wirklich ein Kollege in der Nähe ist. Wenn kein anderes Huhn da ist, halten sie stillschweigend die Klappe, um sich nicht selbst zu verraten. Setzte man ein Huhn alleine vor einen Spiegel und ließ an der Decke den Schatten eines Habichts vorbeifliegen, blieb das Huhn stumm! Es erkannte, dass das Huhn im Spiegel kein echter Artgenosse ist, der gewarnt werden müsste, sondern sein eigenes Abbild.

Mäuse: Fleckenpflege vor dem Glas

Auch Nagetiere überraschten die Forschung: Wissenschaftler versahen Mäuse mit einem winzigen Tintenfleck auf der Stirn. Wenn der Fleck groß genug war und die Mäuse vor einem Spiegel standen, fingen sie an, sich den Kopf zu säubern. Ohne Spiegel oder mit unsichtbarer Tinte machten sie das nicht.

Belugawale: Blicke ins eigene Ich

Aktuelle Meeresstudien zeigen, dass auch Belugawale (Delphinapterus leucas) vor Unterwasserspiegeln ein typisches Selbsterkundungsverhalten zeigen. Sie drehen und wenden ihren Körper im Wasser gezielt so, dass sie farblich markierte Hautstellen im Spiegel genau ins Auge fassen können.

Sonderfälle & Rätsel der Tierwelt

Gorillas: Die Sache mit dem Augenkontakt

Über viele Jahre hinweg scheiterten Gorillas regelmäßig am Klassischen Spiegeltest. Doch Forscher erkannten schließlich den Grund: In der Sprache der Gorillas bedeutet direkter, starrer Augenkontakt eine offene Kriegserklärung („Hey, was willst du? Suchst du Streit? Dir verpass ich eine!“). In freier Wildbahn vermeiden sie daher den Augenkontakt und schauen absichtlich weg, um nicht in einen Kampf verwickelt zu werden. Bei handaufgezogenen Gorillas oder bei Tests, bei denen die Spiegel leicht schräg aufgestellt wurden, bestanden die sanften Riesen den Test schließlich doch.

Gorilla - Foto: Kiki Dohmeier/Shutterstock

Pinguine: Selbstbeobachter im Eis

Die Tests mit wilden Adéliepinguinen hatten ein eher gemischtes Ergebnis. Die Pinguine reagierten zwar nicht auf kleine Farbmarkierungen an ihrer Brust, untersuchten ihr Spiegelbild aber sehr intensiv und führten vor der Scheibe gezielte Kopfbewegungen aus. Wissenschaftler vermuten, dass sie eine Form von Selbstwahrnehmung besitzen, die einfach anders funktioniert als bei Säugetieren.

Wölfe & Hunde: Der Riech-Spiegel

Da Caniden (Hundeartige) hauptsächlich ihre Nase benutzen, wendeten Forscher einen „Schnüffeltest“ an. Dabei wurden Urinproben der Tiere mit fremden Gerüchen gemischt. Das Ergebnis: Wölfe und Hunde beschnüffeln fremden Urin oder veränderten eigenen Urin viel länger als ihren eigenen, unveränderten Geruch. Sie wissen also ganz genau, wie sie selbst riechen!

Der Spiegeltest ist faszinierend, aber wir sollten aufpassen, Tiere danach nicht in ‚schlau‘ oder ‚dumm‘ einzuteilen. Nur weil Katze und Hunde ihr Spiegelbild ignorieren, heißt das nicht, dass sie kein Selbstbewusstsein haben. Die Wissenschaft lernt erst langsam, die Fragen so zu stellen, dass die Tiere sie in ihrer eigenen Sprache beantworten können!

Silke von tierchenwelt.de

Quellen:


Verwandte Artikel:

Empfohlene Videos:

  • Aktualisiert am

WERBUNG

PETAkids


Für Lehrer!

Arbeitsblätter für den Unterricht
Sofort einsetzbare Kopiervorlagen & Unterrichtsmaterialien

Rechtssicher & werbefrei

Nutzung im Unterricht?
Die Verwendung unserer Inhalte in der Schule ist lizenzpflichtig.

Von tierchenwelt.de

Hunderassen - Das große Buch für Kinder

Das große Hundebuch
Spannende Hunderassen für Kinder!


Alle Inhalte auf tierchenwelt.de: